Ein Leben zwischen Himmel und Erde - die Mistel

Zu den Pflanzen, die zu bestimmten Festen im Jahreskreis besonders beliebt und gefragt sind, gehört auch die Mistel (Viscum album). Traditionsgemäß wird sie zur Weihnachtszeit über Türschwellen gehangen – ursprünglich durften sich die darunter Treffenden küssen und liebkosen, denn unter dieser Pflanze wurden alle frei von gesellschaftlichen Konventionen. Überhaupt genießt die Mistel schon seit sehr langer Zeit ein ganz besonderes Ansehen, was wir auch in Geschichten über den Druiden Miraculix erfahren, der mit goldener Sichel Bäume erklommen hat, um diese Pflanze für seinen begehrten Zaubertrank zu sammeln. In der Tat haben die Gallier die Mistel sehr verehrt, denn dieses sonderliche Gewächs wurde als vom Himmel gesandt angesehen und ihm wurden alles heilende Eigenschaften und Zauberkräfte nachgesagt, vor allem der Eichenmistel. Die klebrige und für uns ungenießbare Beere gab es sogar in Silber gefasst als Amulett zum Schutz vor bösen Geistern. Wenn wir die Mistel genauer betrachten, so ist sie wirklich eine sehr außergewöhnliche Pflanze. Als Halbschmarotzerin wächst sie auf Bäumen und kommt so nie in Kontakt mit der Erde, worauf früher auch beim Sammeln streng geachtet wurde. Ihre lederartigen Blätter verliert die Mistel, die bis zu 70 Jahre alt werden kann, auch im Winter nicht – ein Zeichen für strotzende Lebenskraft, die sie tatsächlich in ihrer immunstimulierenden Wirkung bei innerlicher Einnahme beweist. Interessanterweise kommt sie auch vor allem auf Bäumen vor, die in Störzonen stehen und deshalb geschwächt sind. In der Krebsheilkunde spielt die Mistel dank dem Anthroposophen Rudolf Steiner eine bedeutende Rolle und wird in spezieller Zubereitungsform oft und mit Erfolg gegen das Wachstum von Tumorzellen und die Bildung von Metastasen eingesetzt. Bekannt ist die Mistel allerdings auch als Mittel gegen Bluthochdruck, da sie die Gefäßspannung herabzusetzen vermag. Doch wir müssen nicht krank sein, um uns mit der Mistel etwas Gutes zu tun, sondern wir könnten einem alten Brauch aus Südfrankreich folgend die Neujahrswünsche mit einem Mistelzweig überreichen und dabei an ein Sprichwort aus Wales denken, in dem es heißt: „Keine Mistel, kein Glück!".

Astrid Fiebich, Heilpraktikerin

Erschienen: 
26. Dezember 2002
Erschienen in: 
Stadtteilzeitung Rieselfeld