Pflanzenkraft in Beeren verpackt - der Schlehdorn

Was muss das für eine besondere Pflanze sein, wenn bereits „Ötzi“, der legendäre Wanderer aus grauer Vorzeit, Schlehdornfrüchte in seinem Gepäck bei sich führte? Brauchte er sie als Kraftnahrung für eine weite Reise, litt er unter Durchfall oder wollte er sein Zahnfleischbluten behandeln? Wie auch immer – mit Sicherheit kann gesagt werden, dass es die prallen, dunkelblauen Beeren, die wir im Herbst am Schlehdornstrauch finden, in sich haben. Doch wer sie kostet, verzieht wahrscheinlich erst einmal das Gesicht und widmet sich lieber anderen kulinarischen Genüssen, denn es braucht einen ordentlichen Frost (oder eine gute Gefriertruhe!), um die Vitamin-C-reichen Früchte schmackhafter werden zu lassen. Doch gerade das „Zusammenziehende“ macht die Heilwirkung bei Durchfall und Zahnfleischentzündungen aus, wofür wir einige Schlehen mit kochend heißem Wasser aufgießen und als Tee trinken oder zum Gurgeln verwenden. Auch getrocknet finden die Früchte bei diesen Beschwerden Einsatz und die Steine können wir zudem für Kernsäckle sammeln, die uns, vorher im Backofen oder auf der Heizung erhitzt, im Winter wohlige Wärme spenden. Doch vor allem sind die zu Mus oder Sirup verarbeiteten Schlehdornbeeren (übrigens auch als Fertigprodukt in der Apotheke erhältlich) zur Stärkung nach Krankheiten, Kräftigung während der Stillzeit und zum Erwecken der Lebensgeister bekannt. Auch die Blüten des Strauches, der mitunter Schwarzdorn genannt wird, können naturheilkundlich eingesetzt werden, denn sie führen auf sanfte Weise ab und sind laut Pfarrer Kneipp zudem magenstärkend und vor allem für Kinder geeignet. In einer alten Legende heißt es, die Schlehe wurde gegen ihren Willen als Dornkrone Jesu missbraucht und bekomme deswegen als Zeichen ihrer Unschuld jeden Karfreitag von den Engeln ein weißes Kleid umgehangen – ja in der Tat sticht sie uns um Ostern herum mit einer auffallenden, weißen Blütenpracht ins Auge und erfreut nektarhungrige Bienen. Auch Vögel sind froh um diesen Strauch, der ihnen nicht nur als Speisekammer, sondern auch als undurchdringbarer Schutzwall wichtige Dienste leistet. Dass die Früchte des mit Dornen übersäten Heckenstrauches nicht nur für uns gedacht sind, merken wir spätestens nach den ersten Kratzern und lassen gerne einige davon hängen. Wenn wir uns dann im Winter von außen her mit dem Kernsäckle und von innen her mit leckerem selber hergestelltem Schlehenlikör (Rezept siehe unten) wärmen, denken wir mit Dankbarkeit an diesen Strauch zurück und zweifeln nicht daran, dass er, wie es in alten Büchern heißt, von guten Geistern beseelt ist.

Rezept: Schlehenlikör
In eine 1-Liter-Flasche ca. 200 gr. frische oder eingefrorene Schlehen füllen, ca. 80 gr. Kandis (je nach gewünschter Süße) darüber streuen und mit 32 %igem Korn übergießen. Eventuell eine Zimtstange, einigen Nelken, Anis oder eine Vanilleschote hinzu fügen. Mindestens zwei Monate ziehen lassen und täglich schütteln, danach können der Likör und, wenn dieser aufgebraucht ist, auch die Beeren genossen werden.

Erschienen: 
1. November 2006
Erschienen in: 
Stadtteilzeitung Rieselfeld