Schön für die Augen, bitter im Mund - die Wegwarte

Wer kennt sie nicht: Salate wie Endivie, Chicorée und Radicchio werden bei uns gerne verspeist, doch wer weiß, dass hinter all den Salaten eine Heilpflanze namens Wegwarte (Cichorium intybus) steht? Aus ihr werden all diese Salatsorten gezüchtet und auch der aus ihren Wurzeln hergestellte Zichorienkaffee ist allseits bekannt. Dieser wurde zu jenem Zeitpunkt als Kaffee-Ersatzmittel beliebt und feldmäßig angebaut, als 1836 durch die von Napoleon verhängte Kolonialsperre der Kaffee auf dem europäischen Festland knapp wurde. Die Wegwarte ist mit dem Löwenzahn eng verwandt und so ist es nicht verwunderlich, dass sich im Frühjahr die Rosettenblätter sowie der bittere Geschmack sehr ähneln. Wenn dann aber im Sommer die zahlreichen, sparrigen, verzweigten Stängel bis zu 1,5 m mit den himmelblauen Blüten erscheinen, ist eine Verwechslung ausgeschlossen. Wer sich allerdings erst nachmittags einen Spaziergang gönnt, kommt nicht in den Genuss des leuchtenden Blaus – die Blüten verwelken bereits zur Mittagszeit und lassen sich auch nicht in der Vase halten. Zunutze machte sich Linné den besonderen Tagesrhythmus der Wegwarte: er pflanzte vor über 200 Jahren in Schweden eine Blumenuhr, bei welcher anhand der jeweiligen Blütenöffnung die Uhrzeit abzulesen war – die Wegwarte öffnete sich dabei als erste Pflanze morgens zwischen vier und fünf Uhr und schloss gegen Mittag ihre Blüten. Ein Tee aus der Wegwartenwurzel ist ein bitteres, verdauungsförderndes Kräftigungsmittel und wirkt anregend und heilend auf Leber und Galle. Wissenschaftlich erwiesen ist inzwischen auch, dass sie durch Kationenbindung Schwermetalle (Kadmium, Blei Quecksilber) zu binden vermag und bewirkt, dass diese Stoffe nicht ins Blut gelangen, sondern ausgeschieden werden. Die Blätter dieser Heilpflanze enthalten wiederum Vitamin C, Kalzium, Eisen, Magnesium und Kalium und können sehr gut in einen Salat gemischt werden, der ebenfalls blutreinigende, entgiftende und verdauungsfördernde Wirkung hat. Und wem das Bittere bei der Einnahme nicht behagt, kann sich einfach nur an den schönen Blüten erfreuen oder gar die Wegwarte nach alter Tradition äußerlich anwenden: mit dem Saft des Krauts oder der Wurzel eingerieben soll es Überlieferungen zufolge beliebt machen und dazu verhelfen, dass man leichter erreicht, was man sich wünscht. Und wer möchte das nicht?!


Rezept: Wegwarten-Magenbitter

50 bis 70 g Wegwartenwurzeln waschen, dunkle Stellen abkratzen, aber nicht zerschneiden. Wurzeln mit 50 g weißem Kandis und einer Flasche 32%igem Korn in eine Flasche füllen und mindestens 6 Wochen bei Raumtemperatur ziehen lassen. Die Wurzeln dürfen wegen Schimmelgefahr nicht aus dem Alkohol heraus schauen.
ð regt die Verdauungssäfte an

Rezept: Wegwarten-/Zichorienkaffee

Die Wurzeln ausstechen, Blätter abschneiden, gut reinigen und in Stücke (Kaffeebohnengröße) schneiden. Auf einem Backblech ausbreiten und im Backofen bei 220°C rösten, bis die Wurzelstücke dunkelbraun geworden sind. Vor Gebrauch in einer Kaffeemühle mahlen und als filter- oder Brühkaffee zubereiten oder normalem Kaffee als Geschmacksverstärker oder wegen der dunkleren Farbe zugeben.

Erschienen: 
1. Juni 2004
Erschienen in: 
Stadtteilzeitung Rieselfeld