Wintergemüse und Hausapotheke – der Kohl

Wenn wir heute unsere Mahlzeiten mit vielfältigsten Kohlsorten wie Weißkohl, Wirsing, Rosenkohl, Blumenkohl, Brokkoli, Kohlrabi usw. bereichern, so ist kaum vorstellbar, dass der Wildkohl einst als sogenanntes Unkraut gewachsen ist und bereits von steinzeitlichen Jägern und Sammlern als nahrhaftes Gemüse geschätzt wurde. Erst später wurde er in die uns bekannten unterschiedlichsten Sorten gezüchtet und ist in Mittel- und Osteuropa schon lange nicht mehr weg zu denken. Für die alten Griechen war der Kohl sogar eine heilige Pflanze und Plinius sah darin ein Allheilmittel, durch welches die Römer über Jahrhunderte hinweg keine Ärzte gebraucht hätten. Schon früh wurde also erkannt, dass der wachstumsfreudige Kohl  mit überquellender Lebens- und Heilkraft ausgestattet ist. Später wurde der Kohl mit seinem hohen Vitamin C Gehalt zu einem wichtigen Mittel gegen den Skorbut – selbst Captain Cook konnte dank Sauerkraut an Bord seine Männer vor dieser berüchtigten Mangelkrankheit bewahren. Neben Vitamin C enthält der Kohl auch lebenswichtige Mineralstoffe und vor allem als Saft genossen wirkt er blutreinigend und hilft bei Leber- und Darmbeschwerden sowie bei Magengeschwüren. Als „Apotheke der Armen“ wird Kohl (insbesondere Wirsing oder Weißkohl) vor allem auch mit erstaunlichem Erfolg als Umschlag oder Auflage bei unterschiedlichsten Beschwerden eingesetzt. Er hat die Fähigkeit, Giftstoffe über die Haut abzuleiten, zu desinfizieren und Entzündungen zum Abklingen zu bringen. Eine Behandlung mit Kohlblättern kann u.a. bei Gelenkschmerzen, Halsentzündung, Quetschungen, Insektenstichen, Krampfadern, Bronchitis, Erfrierungen, Gürtelrose und Abszessen Erleichterung und Heilung herbei führen und ist immer einen Versuch wert. Dazu werden Kohlblätter, nachdem die dicke Mittelrippe entfernt wurde, mit einem Nudelholz etwas saftig gewalzt und auf die betroffene Stelle mit Tüchern umwickelt über mehrere Stunden aufgelegt. Nach einem Heilerfolg mit Kohl verstehen wir vielleicht auch, warum der Legende nach in manchen Gegenden nicht der Storch die Babies brachte, sondern die Mütter ihre Kinder aus dem voll Vitalität strotzenden Kohlbeet holten.

Erschienen: 
1. Dezember 2003
Erschienen in: 
Stadtteilzeitung Rieselfeld