Nächtliche Blüten und heilende Samen - die Nachtkerze

Im Großen und Ganzen hat sich das Pflanzenreich darauf eingestellt, tagsüber zu blühen. Umso beeindruckender wirken jene Pflanzen, deren Blüten erst in der Dämmerung zu vollem Glanz erstrahlen. So auch die Nachtkerze (Oenothera biennis), die wir hier im Rieselfeld bewundern können, denn sie schmückt so manche öde Baugrube oder den einen oder anderen Wegesrand. Dabei ist ihre Heimat Nordamerika, von wo aus sie erst im 17. Jahrhundert als Zierpflanze zu uns kam und als Gartenflüchtling schnell verwilderte. Nach einer unscheinbaren Blattrosette im ersten Lebensjahr sprießt im darauffolgenden ein kerzengerader Stängel empor, der spätestens zur Sommerzeit jede Nacht mit einigen Blüten geschmückt ist. Wohlgemerkt erst nach Sonnenuntergang, denn die Befruchtung überlassen diese Pflanzen am liebsten den Nachtfaltern. Ein besonderes Schauspiel beobachten jene wachsamen Augen, die das Öffnen der Blüten erleben dürfen: wie im Zeitraffer springen sie plötzlich auf und entfalten sich innerhalb von Minuten zu ihrer vollen Pracht. Wer auch die sinnlichen Genüsse liebt, sollte sich auf keinen Fall den Duft entgehen lassen und vielleicht sogar auch einmal eine Blüte kosten. Eine ungewohnte Gaumenfreude, vor allem wenn wir noch den tief sitzenden Nektartropfen aussaugen! Daneben haben wir es hier mit einer durchaus prominenten Heilerin zu tun, denn das aus den Samen gewonnene edle Nachtkerzenöl, welches reich an Gamma-Linolensäure ist, wird heutzutage gerne mit Erfolg unter anderem zur Linderung von Neurodermitis, Herz- und Gefäßerkrankungen, Allergien, Heuschnupfen, Diabetes, Multiple Sklerose und Hyperaktivität eingesetzt. Schon Algonkin-Indianer waren sich der wertvollen Samen bewusst, zerstampften diese zu einem Brei und verwendeten ihn bei Hautausschlägen oder zum Straffen der Haut. Jedenfalls ist es für uns kein Fehler, im Spätsommer ab und an von den Samen zu naschen, die lebensnotwendige Fettsäuren enthalten (gut kauen!). Und wenn das nicht reicht, können wir sogar noch die einjährige rötlich überlaufende Wurzel zu einem schmackhaften Gemüse verarbeiten. Schließlich hat die Nachtkerze nicht ohne Grund volkstümliche Namen wie Schinkenkraut, Esswurzel oder Rapunzel-Sellerie. Nun heißt es, die Augen offen zu halten für diese besondere Rieselfeldbewohnerin!

 

 

Erschienen: 
15. Mai 2011
Erschienen in: 
Stadtteilzeitung Rieselfeld