Hausapotheke und Speisekammer - der Holunder

Zu früheren Zeiten wurde vor Ehrerbietung der Hut vor ihm gezogen und er galt als eine der wichtigsten Volksheilpflanzen. Die Rede ist vom Schwarzen Holunder (Sambucus nigra), der nicht nur im Rieselfeld, hier insbesondere am Waldrand, sondern in ganz Europa  bis auf 1500 m Höhe anzutreffen ist. Heute wissen wir diesen Strauch vielleicht nicht mehr zu schätzen, aber unseren Ahnen war er von ganz außergewöhnlichem Wert: „Rinde, Beere, Blatt und Blüte, jeder Teil ist Kraft und Güte“. Unterschiedlichste Leiden von Rheuma bis zum Asthma wussten die Kräuterkundigen mit dem Holunder zu heilen und auch wenn wir mit den leicht giftigen Blättern und der Rinde nur unter fachkundiger Anleitung umgehen sollten, können wir aus den Blüten beispielsweise einen fantastischen Schwitztee bei Grippe herstellen und uns über die Beeren (niemals roh, sondern abgekocht oder getrocknet) mit lebenswichtigen Vitaminen, Kalium oder Eisen versorgen. Doch nicht nur die heilenden Eigenschaften des Holunderbusches können Begeisterung wecken, sondern auch seine kulinarische Seite. Wer Hollersekt, Holundersirup oder Essig aus den Blüten kennt, wird die wochenlange Blütezeit ab Mai nutzen, um sich neben getrockneten Blüten für Tee Vorräte verschiedenster Köstlichkeiten anzulegen. Was dann noch nicht abgeerntet wurde, kann schon ab August als kraftvolle, nährstoffreiche Beeren zu Saft, Sirup, Marmelade, Likör oder Suppe verarbeitet werden. Ganz abgesehen davon könnten die Beeren auch, wie einst bei den Römerinnen, zum Färben der Haare verwendet werden. Das außergewöhnlich markreiche Holz wiederum lädt ausgehöhlt zum Schnitzen einer Flöte ein. Letztendlich ist sogar das Märchen von Frau Holle nichts anderes als die Geschichte der Holunderbaumgöttin „Holla“, die den Menschen freundlich gesonnen war und Krankheiten heilen konnte. Lassen auch wir uns nun von den leichten schneeweißen Blüten und den schweren tiefschwarzen Beeren verwöhnen oder heilen, um so den  Holunder als eine wahre Schatztruhe kennenzulernen.

Erschienen: 
1. Juni 2001
Erschienen in: 
Stadtteilzeitung Rieselfeld